Ohne Geld kein Apartment – ohne Apartment keine Frau

Ängste und Druck nehmen in der chinesischen Gesellschaft zu. Aber reicht das zur Revolution? Gedanken zu Chinas sozialem Wandel.

Unsere Waschmaschine ist kaputt. Daraus ergab sich heute ein sehr interessantes Gespräch mit unserem Vermieter. Wenn in unserer Wohnung etwas kaputt geht,  dann rufen wir Zhou den Handwerker an, er ist für unsere Wohnung zuständig. Heute kam mit Zhou ein junger Chinese, der sich als unser Vermieter vorstellte. Wir kamen ins Gespräch.

Xiao He, so heißt der junge Mann, der vielleicht Anfang 30 ist, ich habe nicht gefragt. Er kommt aus Ningbo, einer Stadt etwa 150 Kilometer südlich von Shanghai. Und wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann gehören seiner Familie hier in der Gegend 7 Wohnungen. Er entwirft die Pläne für die Sanierungen der alten Wohnungen – ich glaube er ist Architekt. Nun würde man meinen, mit Eigentum in Hülle und Fülle, einer eigenen Familie, einem Volkswagen und „auch ausrechend Geld “ wie er meint, sei Xiao He seelig. Haben sich doch augenscheinlich alle sehnlichten Wünsche, die man in dieser aufstrebenden Nation haben kann, erfüllt.

Aber Xiao He ist nervös. Gekleidet in Jeans und eine einfache dunkle Steppjacke, mit einer in China typischen, viereckig dünn umrandeten Brille sieht er eigentlich mehr aus wie ein Student als ein Immobilienbesitzer. Xiao He sorgt sich um China, mit Trauer und Angst blickt er auf die Entwicklungen in der Gesellschaft. Und er erzählt Dinge, die ich hier immer wieder höre – über Druck, Ängste, zu viel Arbeit.

Wenn ein Mann kein Apartment besitzt, dann hat er es in China sehr schwer eine Frau zu finden. „Als ich noch studierte, da hatte ich eine Freundin“, erzählt Xiao He. „Fünf Jahre lang“, sagt er mit ausdrucksvollem Gesicht und zählt die Finger seiner linken Hand ab, als wolle er die Länge dieser Zeit demonstrieren. „Dann wollte sie mich nicht heiraten, weil ich kein Apartment besaß.“ Zuerst dachte er, dieses Mädchen allein habe einen schlechten Charakter. Nach und nach aber habe er mitbekommen, dass diese Einstellung bei jungen Frauen in China sehr verbreitet ist. Xiao He schüttelt den Kopf und schaut betroffen auf seine Finger. Seine jetzige Frau habe ihn dann geheiratet, obwohl er keine Wohnung besaß. Das sei mittlerweile in China sehr selten. „Wie soll das auch gehen?“, fragt er mich. In China würde man mit 26 heiraten, auf jeden Fall unter 30. Und wenn man mit seinem Studium durch ist, dann ist man schon 24. Wie soll man in dieser kurzen Zeit soviel Geld verdienen?

Jetzt habe er all das, sagt Xiao He. Die Unsicherheit aber ist nicht geblieben. „Als ich jung war, hatte ich Angst ich würde kein Geld verdienen, dann hatte ich einen Job und habe gefürchtet, ich kann keine Wohnung kaufen. Dann habe ich gearbeitet und gearbeitet. Jetzt besitze ich alles das, eine Wohnung, eine Auto – und habe immer noch Angst“.  Es sei ein Problem, das er in der ganzen Gesellschaft sehe. Die Menschen ständen unter einem enormen Druck etwas zu beweisen. Nur derjenige ist etwas wert, der besitzt. Das ist die einfache aber grausame Logik, so Xiao He. „Was aber ist dann mit all denen, die arbeiten wie verrückt und es sich trotzdem nicht leisten können etwas zu kaufen? Sind diese Menschen weniger wert?“ Fragt er mich und zuckt mit den Achseln.

China steht unter einem enormen Druck. Vor allem Chinas junge Menschen, diejenigen, die zur Öffnungspolitik von Deng Xiao Ping das Licht der Welt erblickten. Ihre Eltern mögen sich noch an eine harte Kindheit unter Mao erinnern, sie sehen Chinas Wandel in der Regel hauptsächlich als große Chance zur Selbstverwirklichung. Ich denke an unseren Nachbarn, Mitte 50, der in einem internationalen Frachtunternehmen arbeitet. Viel von der Welt gesehen hat und jetzt die Wohnung neben seinen Eltern gekauft hat und einen großen Audi fährt. Er kann sich noch sehr gut daran erinnern, auf welch kleinem Raum er als Kind mit Eltern und Schwester gelebt hat. Das Wort „fazhan“, Entwicklung, klingt aus seinem Mund wie eine Prophezeiung.

Bei den heute Mittzwanzigern sieht das ganz anders aus. Druck hat es in China immer geben. Die Bevölkerungszahl an sich ist gleichbedeutend mit Druck. Was auch immer der einzelne erreichen möchte, es gibt immer Millionen anderer, die das gleiche wollen. Durch das strenge Schulsystem gepeitscht fürchten alle jungen Chinesen den „gao kao“, wörtlich den „hohen Test“, die Ausnahmeprüfungen für Universitäten. Monatelang schließen sich Schüler in boxgroßen Räumen nahe der Universität ein und pauken. Wer es dann schafft und wieder Tonnenweise Bücher auswendig gelernt hat um sich sein Diplom zu erarbeiten, der steht auf dem Arbeitsmarkt.

Die Chinesen haben der jährlich wachsenden Masse an Absolventen einen sehr illustrativen Namen verliehen. Ameisenvolk. In der Zeitung gibt es immer wieder Berichte darüber, dass es mittlerweile für junge Absolventen keine adäquaten Jobs mehr gibt. Hoffnungsvoll ziehen sie in die Städte, unter den Argusaugen der Eltern, die sich womöglich verschuldet haben, um ihrem einzigen Kind eine gute Ausbildung und sich selbst damit eine gute Rente zu sichern. Und dann arbeiten sie als Nudelverkäufer oder Aushilfe, verdienen kaum mehr als unqualifizierte Wanderarbeiter in ihren Putzjobs. Kein Wunder also, dass kurz vor dem Frühlingsfest die Stände von Dokumentenfälschern auch von jungen Leuten überrannt werden, die sich ein gutes Diplom oder ein Jobzeugnis fälschen lassen, um die Eltern daheim zu beglücken.

Und so geht das dann immer weiter. Der Kampf um den guten Job, ackern sparen ackern sparen, die Hoffung eine Wohnung kaufen zu können, um dann eine Frau zu finden. Dazu immer weiter steigende Immobilienpreise und seit vergangenem Jahr auch eine schmerzhafte Inflation.

Viel haben wir in den vergangenen Tagen diskutiert darüber, ob die Chinesen eine Revolution anzetteln werden. Ob die Jasminrevolution tatsächlich eine Chance hat in China. Viele ausländische Journalisten, da gebe ich den chinesischen Propagandaorganen recht, sind geradezu euphorisiert von der Idee.

Es sind die Chinesen mit denen ich spreche, die sehr skeptisch sind. Sicher, es gibt die Inflation, steigende Immobilienpreise, wachsende soziale Ungerechtigkeit, Enteignungen. Viel worüber geklagt wird. Und die oben genannten Gründe – der Druck steigt, die Ängste wachsen. Aber, so meinte eine befreundete chinesischen Journalistin zu mir, die Chinesen sind es gewohnt „chi ku de“, wörtlich übersetzt, Bitterkeit zu essen. Ein Volk, das immer viel gelitten hat, das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Hungersnöte erlitt, unterdrückt wurde, sich in der Kulturrevolution von der Regierung erzwungen untereinander folterte und denunzierte.

Wie schrecklich sind dagegen die jetzigen Probleme? Wer, der China nicht wirklich gut kennt, um die Gefühle, Hoffnungen und Erinnerungen der Chinesen weiß, kann das wirklich beurteilen?

Thoughts on a still night (Li Bai)

Before my bed, the moon is shining bright,
I think that it is frost upon the ground.
I raise my head and look at the bright moon,
I lower my head and think of home.

Info: Li Bai ist einer der bekanntesten chinesischen Poeten (701-762).

Rückwärtslaufen – Eine andere Perspektive

Heute morgen bin ich zur Arbeit ein längeres Stück an einem Fluss entlang gelaufen. Die Sonne schien, es ist noch immer sehr kalt in Peking, meist unter dem Gefrierpunkt. Aber ich habe den Spaziergang genossen. Frische Luft, blauer Himmel, ein bisschen Sonne im Gesicht.

Der Weg am Fluss ist im Sommer immer sehr belebt, vor allem bei Rentnern. Dann werden Karten gezockt, Mahjong-Steine hin und her geschoben, geangelt… Diese bewegungsarmen Aktivitäten sind gerade vom Uferweg verschwunden, aber die üblichen sportlichen Aktivitäten sind zu beobachten. Eine ältere Dame übte auf der anderen Seite Thai-Chi, in langsamen fließenden Bewegungen. Dann stapft mir eine Frau, in einer Art Marschschritt, die Arme weit schwingend, in großen Schritten entgegen. An der Leine hastet der typische weiße kleine Plüschhund hinterher, den vor allem die älteren Chinesen so lieben. Typisch für diese Jahreszeit in eine rosane Steppjacke gekleidet. Der Hund.

Und dann kurz vor dem Büro noch eine Rentnerin rückwärtslaufend. Und hier begann ich nachzudenken. Dass die Chinesen, meist die Älteren, gerne Gymnastik, Thai-Chi und energetische Spaziergänge machen, das ist bekannt. Aber ich begann nachzudenken über das Rückwärtslaufen. Über die Perspektive und über Gespräche, die ich jüngst hier in Peking geführt habe.

Wer rückwärts geht, der hat einen ganz anderen Blick auf die Welt. Was in unserem Sprachgebrauch kritisch gedeutet wird – jemand ist rückwärts gewandt – altmodisch, und schaut nicht – und das ist stets positiv gewertet – nach vorn, auf das, was ihm begegenen mag. Warum aber laufen die Chinesen (und übrigens auch die Japaner) so gerne mal mit dem Rücken voran?

Es ist Teil des chinesischen Gesundheitsverständnisses, sich einstweilen umzudrehen und dem, was da kommt, den Rücken zuzuwenden. Im Qi Gong, wörtlich übersetzt, der Arbeit am Qi (der Lebensenergie, Qi=Energie, Gong=Arbeit), gilt es als gut für den Körper ihn ab und an aus den alltäglichen Bewegungsabläufen zu entreißen und die Richtung zu wechseln. Andere Muskelgruppen werden genutzt, die Aufmerksamkeit und das Gehör gestärkt.

Ich mag diese Idee sehr. Die Aufmerksamkeit stärken, auf das Hier und Jetzt zu verlagern, in dem ich mich verlangsame, behutsamer und konzentrierter gehe. Und ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem chinesischen Mädchen, dass ich jüngst geführt habe.

Ich erzählte ihr, dass ich die Gelassenheit der Chinesen manchmal bewundere. Obwohl hier in den Millionenstädten das Leben und Schaffen ein riesiges Gewirr und Gelärme ergibt, so habe ich doch oft das Gefühl, der Einzelne lässt sich ungern aus der Ruhe bringen. Ich glaube, dass hat mit einer sehr gegenwärtigen Sicht auf die Dinge zu tun. Das Leben spielt sich oft viel mehr in dem Moment ab, der gerade an uns vorbeistreift, als in einem im Kopf konstruierten „Später“.

Dieses Land strebt mit einer Geschwindigkeit wie kein zweites der Moderne entgegen und die Menschen blicken beim Laufen gerne auf das, was sie hinter sich lassen. Die junge Chinesin bestätigt meinen Eindruck der gefühlten Präsenz mit der gegenteiligen Erfahrung. Ihr sei aufgefallen, dass Ausländer  oft sehr zukünftig denken, sich sehr viel sorgen, viele Gedanken auf mögliche Schwierigkeiten verwenden. Das macht uns zu guten Ingenieuren, und uns Deutschen, die Meister des Sorgens, zu guten Versicherungskunden. Es beschleunigt aber Leben auch sehr und koppelt  uns ab, von dem, was um uns herum geschieht.

Das Rückwärtslaufen kommt bei der jungen Generation der Chinesen aus der Mode. Sie schauen viel mehr stetig auf ihr Mobiltelefon. Dem Inbegriff der Ort- und Zeitentkoppelung, des nach Vorne schauens.

Meine chinesische Bekannte, als Vollzeitumweltschützerin sowieso eher ein Ausnahmephänomen in einer sehr konsumangefixten jungen Generation, bedauert das sinkende Interesse an chinesischen Traditionen in ihrem Land. Ich kann das gut nachfühlen und freue mich innerlich über jeden rhythmisch in die Hände klatschenden Rückwärtsläufer der mir in den Straßen Pekings begenet.

 

Bilder von der chinesischen Mauer

Schon vor einigen Wochen waren Niclas und ich auf der Mauer. Denn, wie Mao selbst gesagt hat, wer nicht die chinesische Mauer erstiegen hat, ist kein richtiger Mann. Hier ein paar Bilder vom Mauerstück in Mutianyu, ca 1,5 Std. Fahrt nordöstlich von Peking.

Der Vorteil in Peking ist, dass man relativ schnell im Grünen ist, die Stadt ist von Bergen umgeben. Wenn man denn angekommen ist lacht man erst über den Sessellift, ist am Ende aber froh ihn genommen zu haben, denn oben angekommen erwartet einen eine mächtige Kraxelei. Dafür herrliche Ausblicke und frische Luft… Teile der Mauer sind renoviert, Teile noch richtig wild. Beides hat seinen Reiz. Schaut mal selbst…

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Chinesen sind wie Bananen…

so habe ich gestern gelernt. Chinesen nennen andere Chinesen, die im Ausland aufgewachsen sind „Bananen“. Außen gelb, innen weiß.

Alltag kann was Schönes sein

Es ist ja immer schwer, wenn man einen Blog lange nicht „beschrieben“ hat, wieder anzufangen. Mit jedem Tag staut sich ja quasi neues Material an, das ich gerne mit euch teilen möchte … Aber ich werde es mal versuchen.

Ich bin jetzt schon 2,5 Monate hier in Peking. Chinas Hauptstadt. Nicht nur in politischer sondern auch in historischer und kultureller Hinsicht. Witzigerweise kommt einem Peking im Vergleich zu Shanghai viel weniger großstädtisch vor, weil es so weitläufig ist. So langsam stellt sich hier etwas ein, was zu Hause alle gruselig finden, ich aber so sehr vermisst habe. Alltag.

Es war schon schwierig hier die ersten Wochen. Wieder neu, immer noch China, noch schlechtere Luft, noch mehr Stau. Und allein. Was ja was wirklich grausiges ist. Alleine sein. Vielleicht mochte ich auch das nicht so gerne mit euch teilen.

Neulich beim Dreh in einer Solarfabrik - Arbeiter bei kampfsportähnlichem Betriebssport

Nun mittlerweile schwinge ich mich jeden Morgen auf mein Fahrrad, kämpfe mich durch den Verkehr ins Studio. Habe ich die ersten Wochen – wie berichtet – viel Archiv gemacht und war ab und an mit drehen. Bin ich nun in den vergangenen Wochen meist im Studio. Hier wird gerade eine lange Doku über Chinas Grenzen produziert und ich arbeite mit dem englischen Cutter im Schnitt. Material sichten, übersetzen (d-engl), Schnitt strukturieren. Nebenbei habe ich ein bisschen für die Onlineseite des Senders geschrieben und lerne selbst Schneiden. Was wohl aber als ein langfristiges Projekt anzusehen ist.

Nach wie vor ist es natürlich spannend an der Nachrichtenquelle zu sitzen. Große

Das Thema der kommenden Tage, die Volkszählung

Wellen hat in den vergangenen Wochen natürlich die Verleihung des Friedensnobelpreises an einen inhaftierten politischen Dissidenten geschlagen. Es ist nach wie vor unmöglich für die ausländische Presse an Liu Xiaobos Ehefrau heranzukommen. Und auch eine Reihe anderer Freidenker und Unterstützer Liu Xiabos stehen unter Hausarrest. Oder sind schlicht und einfach verschwunden. Gruselig und beeindruckend zugleich, wie empfindlich dieses Regime auf Kritik reagiert.

China Airlines - Fliegen mit großem Sicherheitsgefühl

Durch den riesigen geografischen Raum den das Studio abdeckt (China, Japan, Korea, Philippinen) gibt es natürlich eine wahnsinnige Themenbreite. Und sowieso eigentlich viel zu viele Themen, die interessant wären, aber die Zeit fehlt. Und die bestimmenden Aspekte, was China betrifft, umkreisen schon meist die bekannten Themen. Politik mit all seinen Beschränkungen hier, das wahnsinnige wirtschaftliche Wachstum – Motor Chinas und Legitimitätsbasis der  Partei. Und natürlich diejenigen, die bei dem Wandel des Giganten Chinas zu kurz kommen. Sozial Benachteiligte, Wanderarbeiter, Landbevölkerung und natürlich die Umwelt.

Spannend dabei ist, dass ich so vieles, was in Nachrichten nur bruchstückhaft

Herbstnachmittag im Beihai-Park

vermittelt werden kann, hier jeden Tag auf den Straßen sehe. Luxuskarossen neben bitterarmen Müllsammlern, eine stetig größer werdende Mittelklasse, die immer mehr globalisiert und noch einen Hauch China, wie man es sich traditionell vorstellt. Mit Tempeln, Teezeremonien, Garküchen und klassischer chinesischer Musik.

Und da ist Peking dann doch ganz anders als Shanghai. Zwar fällt einem in beiden Städten mittlerweile zu allererst der Konsum und das Wachstum ins Auge, aber in Peking muss man nicht so lange graben, um noch traditionelles China zu spüren. Viel mehr als in Shanghai schwingt in dieser Stadt oft ein Hauch Kultur und Geschichte mit. Gestern zum Beispiel war ich im Beihai-Park spazieren. Ein herrlicher Herbsttag mit Sonnenschein. Dort gibt es einen schönen Tempel und am Fuße des Tempels saß eine Gruppe älterer Chinesen und hat auf traditionellen Instrumenten gespielt und gesungen. In unseren Ohren leiert und quietscht das zunächst. Aber es war ein sehr schöner Moment.

Und danach war ich mit meinem Kollegen Jan in einem Teehaus in den Hutongs. Das war großartig. Ich muss das unbedingt noch mal machen und Bilder für euch hochladen. Die Teezeremonie wird mit solch einer Anmut vollzogen und dadurch entsteht eine nahezu meditative Stimmung – eine Oase der Ruhe und Besinnlichkeit in diesem Großstadtdschungel. Dazu ist guter Tee, wie man ihn dort bekommt sehr lecker, toppt jeden Kaffee. Wir haben Oolong-Tee von eiem 400 Jahre alten Teebaum getrunken. Wunderbar.

Hier habt ihr nun wieder ein bisschen China von mir. Und ich hoffe, ich schaffe es nun wieder öfter. Es gibt so viel Interessantes hier!

 

 

 

Beijing – same same but different

Der Blick aus meinem Fenster in Peking - Chaoyang Business District

Peking. Ich gewöhne mich ein. Wieder jeden Tag zur Arbeit gehen, neue Abläufe kennen lernen, sich an neue Menschen gewöhnen, an neue Themen.  Den nächsten Supermarkt finden und den nächsten Park, sich darauf einstellen die Abende nach der Arbeit alleine zu verbringen. Das Leben fühlt sich anders an. Es ist immer noch China. Eine Erkenntnis die sich allzu trivial anhört – aber der Umstand, dass ich nun doch schon an dieses Land, die quäkige Sprache, die Gerüche, andauerndes Gehupe und dauerndes Gewusel gewöhnt bin, hilft mir sehr.

Die Arbeit. Allzu detailreich darf ich aus betriebsinternen Gründen natürlich

Bauboom - der qm für 5000 Euro - total absurd!

nicht werden, aber es ist alles gut soweit. Ich lerne zu verstehen, wie ein Auslandsstudio funktioniert. Dass Themen aus verschiedenen Richtungen an die Korrespondenten herangetragen werden. Aus deutschen Redaktionen, auf Grund aktueller politischer (der nordkoreanische Führer Kim Jong Il kommt nach Peking), wirtschaftlicher (wie steht es wirklich um die chinesische Immobilienblase?) oder gesellschaftlicher (das Dauerthema: Wanderarbeiter und die gesellschaftliche Schere zwischen Arm und Reich) Entwicklungen recherchiert werden. Oder besonders bestimmend – wenn in China, wie leider so häufig – wieder ein Unglück geschieht, wie etwa das große Erdbeben in Sichuan 2008 oder der Erdrutsch in der Provinz Gansu in diesem Sommer.

Es ist unglaublich spannend so nah dabei zu sein, wenn ein Beitrag entsteht. Dabei fasziniert mich weniger die Idee, dass die Bilder später im Fernsehen laufen. Ich bin sehr froh darüber, so nah an den Geschehnissen in diesem Land zu sein. Natürlich hat man in einer Auslandsredaktion Zugriff auf sehr viele Ressourcen: Verschiedene internationale Magazine, chinesisches oder auch nordkoreanisches Fernsehen, Agenturbilder, Presseagenturen und natürlich auch das Archivmaterial. Mit dem ich mich momentan vorrangig beschäftige.

Da das Studio im Vergleich zu dem in Berlin natürlich viel kleiner ist, sitzt man eigentlich immer irgendwie mitten in einer Redaktionskonferenz. Ich schaue mir gerade die Drehbänder an, versuche mehr Informationen in das Archivsystem einzuspeisen und die ganze Archivbeschriftung und Sortierung übersichtlicher zu gestalten. Ich finde das für den Anfang super, da ich einen guten Überblick über die Themen bekomme. Letzte Woche war ich zwei Mal mit drehen (riesige Baustellen und Chinesen im Konsumrausch). Also bei der Arbeit soweit alles gut. Es bleibt spannend.

Meine Wohnung in Peking - Hotelzimmer-Charme

Peking. Sehr viel habe ich noch nicht gesehen – aber schon einen ganz guten Eindruck von der Größe bekommen. Die Stadt ist riesig. Und was erschwerend hinzukommt, der Verkehr ist schrecklich und damit auch die Luft. In Peking leben rund 17 Mio. Menschen und es schieben sich hier etwa 4 Mio. Autos über die Straßen. Die durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit beträgt 15 km/h und dass man wie jüngst die Kollegin zwei Stunden braucht, um vom Zoo wieder nach Hause zu kommen, ist absolut keine Seltenheit. Eine junge Chinesin, die ich letzte Woche traf erzählte mir, dass sie an chinesischem Neujahr im vergangenen Jahr sechs Stunden gebraucht hat, um aus dem Osten der Stadt in den Westen zu ihren Verwandten zu fahren. Halb Peking hatte scheinbar dieselbe Idee.

100 Kilometer Stau – der Verkehr ist irre

Bild: Chinadaily

Vielleicht habt ihr davon gehört, dass es in der vergangenen Woche einen 100-Kilometer Stau auf der Autobahn Peking-Zhangjiakou (Richtung Tibet) gegeben hat (www.chinadaily.com.cn/m/hebei/2010-08/28/content_11223308.htm.) Dieser hat am 14. August begonnen und hat sich angeblich erst nach 10 Tagen aufgelöst. Chinesische Medien haben berichtet, dass einige Fahrer fünf Tage im Stau fest saßen. Schuld waren wohl große Baustellenabschnitte sowie übermäßiger LKW-Verkehr auf der Strecke, da auf der Strecke viel Kohle aus der Inneren Mongolei transportiert wird. Naja, die Fahrer haben sich die Zeit mit Karten spielen, essen und schlafen vertrieben. Und die Anwohner haben endlich mal etwas Geld verdient, in dem sie Instant-Nudelsuppen zum 5-fachen Preis verhökerten. Des einen  Leid, des anderen Business.

In der Freizeit. Ich habe am Wochenende noch einmal zusammen mit Niclas die Hukous erkundet und am Abend haben wir in einem total leckeren chinesischen Restaurant in einem alten Hukou-Haus gegessen. Wir haben aber auch gemerkt, dass es eine ganz schöne Umstellung sein wird, jetzt eine Distanzbeziehung zwischen Peking und Shanghai zu führen. Wir sind irgendwie beide froh, dass es zeitlich begrenzt ist.

Ansonsten fallen mir sehr lustige Dinge auf, hier in Peking. Zum Beispiel, dass man in den kleinen Supermärkten hier keine Milch kaufen kann, es aber ungelogen 50 verschiedene Sorten an Joghurt gibt. Dass die Pekinger Hunde lieben. Und zwar nicht im Wok, sondern auf dem Schoß. Sie sind gänzlich vernarrt in die kleinen Freunde, dass sie ihnen mitunter die Nägel lackieren oder das Fell färben (gerne im Panda- oder Tigerlook).

Was man neben der schlechten Luft, die man riecht, sonst sofort wahrnimmt – ist der pekinger Dialekt. Dem ungeübten Westler-Ohr kommt das in Shanghai gesprochene Mandarin schon sehr ulkig vor, es klingt immer irgendwie als balancierten die Chinesen beim Sprechen vorn im Mund eine Kugel, so rund hört sich die Sprache an. Die Pekinger machen das auch, aber zum Ende eines Wortes rollt sich ihre Zunge gen Gaumen und es entsteht dieser für den hiesigen Dialekt so bekannte gurrende Laut – der sich dann endgültig nach aufgeregtem Frosch anhört.

Auch sehr auffällig – die Taxifahrer, in Shanghai meist sehr offen und redselig, haben hier in der Regel schlechte Laune. Fahren wie die Irren (wenn sie denn verkehrsbedingt mal fahren können) und murren vor sich hin. Würde ich wahrscheinlich auch tun, wenn ich mich jeden Tag rund 12 Stunden oder mehr in diesem Verkehr bewegen müsste. Die Ausländer (generell weniger im Stadtbild präsent) sprechen, so scheint mir, durchschnittlich ein besseres Chinesisch als in Shanghai. Die Frauen sind aber genauso oft schwanger, was mir bei diesen Umweltbedingungen völlig schleierhaft ist. Soweit ein paar erste teils sehr subjektive Eindrücke aus Peking. Bis bald.